"Gottlieb Scharff (1905-1991) Ansichten und Einsichten aus Kemnath vor 100 Jahren
Sonderausstellung im Heimat- und Handfeuerwaffenmuseum Kemnath.
Hat die Kunst eher der Wahrheit oder der Schönheit verpflichtet zu sein? Diese Streitfrage ist wohl so alt wie die Kunst selbst. Und so viele Künstler die Menschheit hervorgebracht hat, so viele Antworten hat deren Werk wohl auf diese Frage gegeben. Antworten, die von dem verlogenen Idyll der „röhrenden Hirschen“ oder des „tausendjährigen“ Helden-Blut-und-Boden-Kitsches bis hin zur gewollten Verzerrung und Hässlichkeit reichen, die das heutige Kunstschaffen als angeblich allein angemessener Ausdruck dieser so „krisenhaften“ und „apokalyptischen“ Zeit weithin prägt.
Der „Maler und Zeichner des Kemnather Landes“, Gottlieb Scharff, dessen Werk eine neue Sonderausstellung im Kemnather Heimatmuseum im Nachgang zu seinem 120. Geburtstag und in Erinnerung an seinen 35. Todestag gewidmet ist, hat es auf seine Weise verstanden, sich von diesen beiden Extremen fern zu halten. Mit seinem Lieblingsdichter Adalbert Stifter suchte er das „Klare und Schöne“ in einer Welt, die über weite Strecken seines sechsundachtzigjährigen Lebens hinweg alles andere als ein Elysium war, und strebte danach, es wahrheitsgetreu zu „bilden“.
Es dürfte nicht zuletzt seine in nie nachlassender Begeisterung aus immer neuen Blickwinkeln „portraitierte“ herbe Heimat gewesen sein, die in ihrem Sohn Gottlieb Scharff wenig Neigung zu verhässlichenden wie idyllisierenden Überspanntheiten aufkommen ließ. Der bodenständige Oberpfälzer Beamtensohn, der 1905 in Kemnath geboren wurde und dort in den Gebäuden des einstigen Franziskanerklosters aufwuchs, entschied sich denn auch nie für ein bloßes „Künstlerdasein“. Obschon bereits als Volksschüler seine Leidenschaft für die Malerei erwacht war, entschloss er sich aus eigenem Antrieb zu einem „Brotberuf“.
Die Hoffnung des naturverbundenen Burschen, Förster werden zu können, zerschlug sich indes schnell: Freie Stellen in diesem Berufsfeld waren Mangelware. Doch eröffnete sich ihm alsbald ein anderer, fruchtbarerer Weg: Als Lehrer konnte Scharff seine Liebe zur Kunst nicht nur als Hobby, sondern auch im Beruf entfalten und weitervermitteln. Im Laufe der Jahrzehnte sollte er bis zum Fachberater für Zeichenunterricht bei der Schulabteilung der oberfränkischen Regierung und zum Ausbilder für Zeichenlehrer an der Bayreuther Pädagogischen Hochschule aufsteigen.
Nahezu ungebrochen blieb während Scharffs langen Lebens seine künstlerische Schaffenskraft. Selbst im Zweiten Weltkrieg, der ihn als Soldat nach Italien führte, versuchte er die schönen Motive des Landes, in das er unter so hässlichen Umständen verschlagen worden war, mit dem Zeichenstift festzuhalten. Als er dann bei Kriegsende in Gefangenschaft geriet, baute er im Lager bei Rimini gemeinsam mit anderen in den Kriegsdienst gezwungenen Künstlern und Architekten eine kleine Kunstschule auf.
1948 kehrte Scharff aus der Gefangenschaft nach Bayern zurück und betätigte sich in Arzberg für einige Jahre als Entwerfer von Dekoren für Porzellangegenstände. Einige solche Entwürfe sind ebenfalls im Kemnather Museum ausgestellt. Sie ergänzen den Querschnitt durch das Werk des 1991 verstorbenen Künstlers, das auch auf zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland Anerkennung gefunden hat.
Wer die Zeichnungen, Aquarelle und Ölgemälde auf sich wirken lässt, die der Kemnather Heimatkundliche Arbeits- und Förderkreis in der Alten Fronveste zusammengestellt hat, dem wird die „Wahrheit“ dieser ungeschönten und doch schönen Ab-Bilder unserer rauen Heimatlandschaft gewiss nicht verborgen bleiben. Zugleich wird er manches wieder entdecken, was in und um Kemnath längst dem „Zahn der Zeit“ zum Opfer gefallen, aber dank Scharffs Zeichenstift dokumentiert geblieben ist. Außerdem erwarten einige bislang noch nie öffentlich gezeigte Werke aus der Zeit von Scharffs Kriegsgefangenschaft sowie porzellankünstlerische Arbeiten das Publikum. Die Ausstellung unter dem Motto „Ansichten und Einsichten aus Kemnath vor 100 Jahren“, die der bekannte Kemnather Künstler und Scharff-Schüler Rainer Sollfrank federführend gestaltet, kann ab 1. Februar im Heimat- und Handfeuerwaffenmuseum Kemnath, Trautenbergstraße 36, sonntags von 14 bis 16 Uhr und an jedem ersten Sonntag des Monats zusätzlich von 10 bis 12 Uhr besucht werden. Der Eintritt ist frei.
